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Armeniens Botschafter Ashot Smbatyan im Gespräch mit den LVZ-Redakteuren Jan Emendörfer und Roland Herold

24.04.2019

Der Genozid, der Völkermord an den Armeniern im Osmanischen Reich, ist in Deutschland vor allem durch Franz Werfels Buch „Die 40 Tage des Musa Dagh“ bekannt. Spielt dieses Buch auch in Armenien eine wichtige Rolle?

In den siebenten und achten Klassen ist das Buch obligatorischer Lehrstoff. Wir versuchen in Schulen nicht nur das zu erzählen, was armenische Historiker, Geistliche oder Kulturschaffende zu dem Thema geschrieben haben, sondern auch, was von der internationalen Gemeinschaft dokumentiert wurde.

Von den zehn Millionen Armeniern leben sieben Millionen im Ausland – unter anderem auch in Deutschland. Sind die Emotionen dort andere?

Ich könnte mir vorstellen, dass in der Diaspora die Emotionen tatsächlich andere sind. Als unmittelbare Nachfahren der Opfer, sind sie mit einer heimatlosen Erziehung groß geworden. Das wird von Generation zu Generation weitergegeben. Für Diasporaarmenier ist die Leugnungspolitik der türkischen politischen Elite noch schmerzhafter. Als am 2. Juni 2016 die Armenien-Resolution vom Deutschen Bundestag verabschiedet wurde, habe ich erlebt, wie die Armenier draußen jubelten. Viele, die hier leben, haben 50 Jahre darauf gewartet.

Gibt es Anzeichen, dass nach der Samtenen Revolution  Armenier wieder in ihre Heimat zurückkehren?

Es gab bereits Rückkehrer zu Sowjetzeiten. Gegenwärtig zieht es erneut Menschen in ihre Heimat zurück. Das sind vor allem Armenier, die das Land nach dem Zerfall der Sowjetunion verlassen haben. Armenien hat ca. 22 000 Flüchtlinge, hauptsächlich Armenier, aus Syrien, aufgenommen. Wir gehen davon aus, dass die Zahl der Rückkehrer größer werden wird.

Gibt es bestimmte Berufsgruppen, die besonders häufig kommen?

Vor allem aus der IT-Branche oder auch dem künstlerischen Bereich kommen Leute. Einige siedeln nach Armenien für ständig über, andere nehmen einen zweiten Wohnsitz.

Nach dem Vorbild Charles Aznavours?

Ja, er war sogar Armeniens Botschafter in der Schweiz und bei Internationalen Organisationen. Und sein jüngster Sohn verwaltet die Stiftung und Haus seines Vaters in Jerewan.

Es scheint, als kommen einiges in Bewegung nach dem Machtwechsel in Armenien. Es gibt sogar Gespräche auf höchster Ebene mit Aserbaidschan. Wo liegt die Lösung?

Der Berg-Karabach-Konflikt kann nur friedlich gelöst werden. Die Sicherheit der Bevölkerung von Berg-Karabach und ihr Status haben für Armenien höchste Priorität. Der Ministerpräsident Nikol Pashinyan besteht deshalb darauf, dass sowohl Armenien und Aserbaidschan als auch Vertreter von Berg-Karabach am Verhandlungstisch sitzen, um eine Lösung zu finden, mit der am Ende alle leben können. Es darf keine Sieger und keine Verlierer geben. Kompromissbereitschaft ist keine Einbahnstraße.

Noch komplizierter sind die Beziehungen zur Türkei.

Die Grenze zur Türkei ist geschlossen und sie ist eine der letzten geschlossenen Grenzen Europas. Armenien ist bereit, ohne Vorbedingungen mit der Türkei diplomatische Beziehungen aufzunehmen. Doch die Türkei macht die Aufnahme diplomatischer Beziehungen vom Berg-Karabach-Konflikt abhängig und noch mehr von seiner Lösung im Sinne der aserbaidschanischen Seite.

Würde ein Durchbruch in den Verhandlungen mit Aserbaidschan möglicherweise auch diesen Konflikt entschärfen?

Das habe ich bereits erläutert. Wir müssen miteinander leben.

Nikol Pashinyans Bündnis wurde mit 70,43 Prozent gewählt. Das ist ein deutliches Votum. Wie geht es nun weiter?

Der Ministerpräsident hat angekündigt, dass der politischen Revolution eine wirtschaftliche folgen muss. Das wird nicht so leicht sein. Aber beide Revolutionen brauchen einander. Die Regierung kämpft deshalb gegen die Oligarchen im Land und die Korruption sowie für die Schaffung von Rechtsstaatlichkeit. Hier erwarten wir auch Unterstützung von der EU. Armenien hat 2017 ein breiteres Rahmenabkommen mit der EU unterzeichnet, das der Bundestag am 4. April 2019 ratifizierte. Das ist ein sehr wichtiges Dokument für uns, weil wir bei der Durchführung des Reformprozesses im Land eine vertiefte und erweiterte Zusammenarbeit mit der EU anstreben.

Warum ist die Rechtsstaatlichkeit ein so zentrales Thema?

Für ausländische Investoren müssen wir garantieren, dass Armenien ein Rechtsstaat ist und die Gerichte unabhängig sind. Das geht nicht von heute auf morgen. Wir sind hier aber auf einem guten Weg. Das Bündnis von Ministerpräsident Nikol Pashinyan hat eine deutliche Mehrheit. Das ist eine solide Basis für die Durchführung von Reformen.

Wie sieht Russland diese Entwicklung?

Die russisch-armenischen Beziehungen sind traditionell sehr eng und reichen weit in die Geschichte zurück. Die Beziehungen sind nach dem Zerfall der Sowjetunion eng geblieben. Armenien pflegt eine strategische Bündnispartnerschaft mit Russland. In Russland leben und arbeiten circa 1,8 Millionen Armenier. Die sind eine wichtige Brücke für die Beziehungen beider Länder. Seit der Unabhängigkeit pflegen wir diese engen Beziehungen weiter und versuchen gleichzeitig die Beziehungen zur EU, aber auch zu den USA, in denen viele Armenier leben, zu erweitern. Um es auf einen Nenner zu bringen: Unsere Politik lautet nicht „Entweder - oder“, sondern „Sowohl als auch“.

Kommen denn armenische Unternehmer aus dem Ausland zurück und investieren?

Ja, das kann ich bestätigen. Der Geschäftsmann Eduardo Ernekian aus Argentinien beispielsweise hat den Flughafen Jerewan gekauft und komplett saniert. Das ist jetzt einer der modernsten Flughäfen in der Region. Letztlich wurde die Samtene Revolution auch von vielen Diaspora-Armeniern unterstützt. Wir hoffen, dass viele von ihnen zurückkommen, investieren und bleiben.

Welche Rolle spielt die Kirche?

Wenn man über Armenien und armenische Gesellschaft spricht, kann man die Kirche nicht außen vorlassen. Die Kirche war und ist ein wichtiges Bindeglied für den Zusammenhalt der Menschen. Und ist rückblickend auf die fast 2000 Jahre die Wirbelsäule der armenischen Identität. In Armenien gibt es kaum eine Region, in der man keine sakralen Bauten findet. Trotzdem werden immer neue Kirchen gebaut. Es gibt Gruppen, die mittlerweile die Mutterkirche kritisieren, dass zugelassen wird, dass viele Kirchenneubauten errichtet, aber die alten Kirchen wenig saniert werden. Das Oberhaupt der Armenischen Kirche, der Katholikos sagt, man kann einer Gemeinde nicht verbieten, eine eigene Kirche zu bauen. Es gibt viele Anstrengungen die alten Kirchen und Klosteranlagen zu sanieren und zu erhalten.

Sie sind in beiden Kulturen zu Hause: Was können die Armenier von den Deutschen lernen?

Vielleicht sollten wir uns den Deutschen Ordnungssinn zu eigen machen. Auch Sparsamkeit, im Sinne von: Vermögen richtig verwalten. Teamgeist wäre das Dritte. Die Armenier sind im Schach spitze, aber nicht im Fußball.

Und umgekehrt?

Was die Deutschen lernen könnten? Ich glaube, ein wenig mehr Herzlichkeit und Emotionalität könnten nicht schaden. Obwohl dies von Bundesland zu Bundesland unterschiedlich ist.

Die Samtene Revolution hat viele Parallelen zur Friedlichen Revolution in Leipzig. Wann kommt es zur Städtepartnerschaft?

Ich hoffe, dass wir da einen Schritt weiterkommen. Zum Beispiel Jerewan und Leipzig unterhalten eine Partnerschaft mit Lyon.  Es muss aber gar nicht sofort eine Partnerschaft sein, eine Absichtserklärung wäre schon ein Schritt in die richtige Richtung. Im Laufe der Jahre können wir dann sehen, ob es funktioniert. Einige Projekte  laufen aber jetzt schon, beispielsweise mit der Universität oder dem Leibniz-Institut.

Wie lange gibt die Beziehungen zwischen Leipzig und Jerewan schon?

Wissen Sie, bereits im Jahre 1860 wurde hier im Leipzig der erste akademische armenische Verein gegründet. Im letzten Jahr wurde die Armenische Kulturgemeinde Leipzig gegründet. Übrigens für die Leser und insbesondere Kulturliebhaber habe ich eine besondere Überraschung, der weltweit bekannte Kinderchor, Little Singers of Armenia, tritt zum ersten Mal am 29. September im Leipziger Gewandhaus auf. Insofern bleibe ich bei meiner Überzeugung für eine gut gelingende Partnerschaft: Das Geheimnis des Könnens liegt am Ende im Wollen.

 

Volle Version des Interviews - https://www.lvz.de/Region/Mitteldeutschland/Berg-Karabach-Konflikt-friedlich-loesen

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